Karin Hillmer Harmonices Mundi

28.01. – 25.02.2005
Harmonices Mundi
Karin Hillmer

“Gerne zitiere ich hier die Gedanken meines früh-griechischen Lieblingsphilosophen, Heraklit, denn auch er denkt, dass alle Entwicklung im polaren Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte geschieht. Jedes Ding bedarf zu seinem Sein seines Gegenteils. Man kann nicht wahrhaftig Licht definieren, ohne Dunkelheit zu verstehen. Harmonie entsteht beim Schliessen eines Kreises, wenn sich die Energien des Yin und Yang vereinen. Auch meine Bilder entwickeln ihre Ausstrahlungskraft durch gegensätzliche Ausgangspunkte. Die Yang Energie reflektiert mein Erkunden der Welt anhand der Kamera und meine Gedanken sowie die Nachforschungen, die meinen Foto-Montagen zugrunde liegen, stellen das Gegenstück dar, um die Gesamtheit zu vervollständigen.

Mit einem akademischen Abschluss im Bereich der Kunstgeschichte sowie weitgehender Erfahrungen auf den Gebieten der Malerei, Zeichnerei und Fotografie, beabsichtige ich mit meiner Arbeit die Entstehung von Bildern gleichzeitig aus der Perspektive einer Malerin und einer Fotografin. Mit einer Idee vor Augen versuche ich, das Image der gedanklichen Kompositionen unter Zuhilfenahme von bildlichen Elementen zu entdecken – bis hin zum endgültigen Resultat, der Foto-Montage.

Der Entstehungsprozess meiner Arbeiten repräsentiert eine Reise. Eine Reise durch Länder und Kontinente einerseits und durch Gedanken und meine Seele entlang verschiedener Lebensstufen – bis hin zurück in die Kindheitsjahre. Werte, die im Prozess des Heranwachsens definiert wurden, gelangen in Form von Objekten, Papierfragmenten, Farbe oder Sprache zurück in mein Bewusstsein und finden so ihren Weg in meine Arbeiten. Erlebnisse, die in ihrer Natur beispielsweise beeindruckend oder verletzend waren, unterziehe ich so einer neuen Betrachtung. Vielleicht ist es gerade dieser Ansatz, der mir beim Blick durch das Objektiv der Kamera dazu verhilft, den Gefühlen ihren ursprünglichen Lauf zu lassen. Geradeso als wäre ich wieder ein Kind und würde spielerisch die Magie des Neuen und Unentdeckten erfahren wollen. In diesem Erlebnis erlangt ausschliesslich die „kreative Reise“ an Bedeutung.
Während der Renaissance in Italien galten die griechischen und lateinischen Klassiker als unangreifbare Quelle allen Wissens. Im Mittelalter jedoch konzentrierte man sich auf das Leben nach dem Tod und erst durch die Wiederentdeckung der Klassiker würdigte man erneut den Wert des Menschen und seinen Beitrag zu einem besseren Leben hier auf Erden. Man stelle sich einmal die Aufregung und Freude der Humanisten vor als sie die Schätze der klassischen Vergangenheit wiederentdeckten. Mein Image „There was joyous laughter when she entered the orb again“1 kann als der Moment definiert werden, als die Menschheit dem Mittelalter den Rücken zuwandt und vom Licht des Wissens erhellt wurde. Aber wir sollten auch ganz klar erkennen, dass Wissen allein nutzlos sein kann, es sei denn wir entdecken den wahren Sinn. Diese Idee wird in dem Bild „Again the poet questions the wisdom we have lost in knowledge“.2
Mit einer Idee vor Augen bewege ich meine Fotografien, fotografische Fragmente und Objekte in der „digitalen Dunkelkammer“. In Verbindung mit anderen Elementen nehmen diese eine neue Identität an und verhelfen mir somit zur Visualisierung einer Erinnerung, eines Gedankens, einer Traumwelt – die Darstellung der Essenz meiner Vorstellung. Diese Foto-Montage entwickele ich in einem Spannungsfeld, in dem greifbare, aktive Objekte den gleichen Stellenwert geniessen, wie der sie umgebende, eher passive Raum. Gegensätzliche Kräfte entdecke ich durch Realität und Illusion, Licht und Schatten, bildliche Tiefe und glatte Oberflächen sowie dem Zusammenspiel von Komplementär- und Ergänzungsfarben – malerischer Aspekt versus Fotografie. Diese sich gegenüberstehenden Kräfte vereinen die Ausstrahlungskraft meiner Bilder und verhelfen so zu einem tiefgründigeren Erlebnis.

Die Titel meiner Fotografien wähle ich, um eine weitere Dimension der Betrachtung hinzuzufügen. Oftmals können sie als Hinweis auf die der Komposition zugrundeliegenden „Geschichte“ verstanden werden. Ich lade Sie ein, als Betrachter/in meiner „kreativen Reise“ zu folgen und dabei Ihre eigenen Erinnerungen und Gefühle zu entdecken.

1 Es gab fröhliches Gelächter als sie wieder den (irdischen) Himmelskörper betrat
2 Und wieder bezweifelt der Dichter die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben”

Karin Hillmer 2005