Cortland Virages03.11. – 29.12.2006
Cortland: Virages

Porträts

Tiefzerfurchte Gesichter erzählen mir viele Geschichten.
Im klassischen Sinne bin ich kein Porträtmaler, da niemand mir Modell steht. Aber für mich basiert das Malen eines imaginären Porträts, wenn auch stilisiert, im Wesentlichen auf der Tradition der Porträtmalerei. Da ich nicht versuche, ein fotographisches Abbild der Natur zu schaffen, kann ich meiner Phantasie freien Lauf lassen und eine Vielfalt von Rhythmen, Farben, Linien, Strukturen, Elementen und Phantasien in ein einziges Gesicht einfließen lassen. Das ermöglicht mir das Malen von vielschichtigen Porträts mit der größtmöglichen Bandbreite an Emotionen.

Zeichnungen

Gewunden sind die Kurven der Sinnlichkeit
In den 70ern, als ich in New York City lebte, wurde ich zum ersten Mal von einfachen (Strich-) Zeichnungen angezogen. Dort bekam ich durch private und öffentliche Sammlungen Zugang zu den künstlerischen Ansätzen verschiedener Kulturen und Kunstschulen, die die Kalligrafie entwickelt hatten. Mein besonderes Interesse an dieser Kunst hat immer darauf basiert, dass sie sich poetisch ausdrücken kann durch den Einsatz von anscheinend simpler, aber beherrschter und verfeinerter Gestik.
In den späten 70ern schuf ich einige (Strich-) Zeichnungen, aber erst nachdem ich meinen Schwerpunkt darauf verlagert und meine aktuellen Zeichnungsserien („The Meaning of Line“ – 2005 – present/“Die Bedeutung der Linie – 2005 bis heute“) begann, empfand ich das Vorhandensein ausdrucksvoller Klarheit.

Farbe
Ein Umhang in dem Rot der Abenddämmerung wirbelt unter dem Herbsthimmel in die Nacht
Für mich ist der Einsatz der Farbe mein persönlichster Ausdruck in meiner Kunst, mehr als alles andere. Für mich ist Farbe ein Fest, ein Tanz, eine verlockende Pinata. Sparsam dosiert oder als dramatischer Kontrast sorgt sie für ein überwältigendes Wohlgefühl. Die Auswahl der Farben basiert auf „Schwingungen“. Wenn ich gleichzeitig Blau sehe und fühle, dann weiß ich, dass ich Blau an der Stelle in meine Arbeit einfließen lassen muss, wo ich es gesehen habe. Es liegt etwas sehr Instinktives/Intuitives in diesem Verfahren, aber es ist auch sehr von der Umgebung abhängig. Ich habe festgestellt, dass die Farbstruktur der benutzten Palette und die Art und Weise, wie sich die Farben verändern abhängig sind vom Licht meiner unterschiedlichen Wohnorte.

The Dakota Suite
In Stein gemeißelte Erinnerungen
Die größeren Schwarz-Weiß Tuschezeichnungen meiner Ausstellung stammen aus einer Serie von 76 Zeichnungen, die den Titel „The Dakota Suite“ trägt und aus den Jahren 1993-1994 stammt. Inspiriert wurde sie von meiner Großmutter väterlicherseits, die schon früh und beharrlich meine künstlerischen Versuche unterstützt hatte. Geboren und aufgewachsen in Süddakota, hatte sie in ihrer Jugend tiefschwarzes Haar. Sie ist der Grund für den Titel und das Medium. Die Inspiration für die vieleckige Motivarbeit, die die Serien graphisch miteinander verbindet, bekam ich durch das Gemälde „Between the Clock and the Bed“ von Jasper Johns.

Virages (frz. f. Kurven)
Als Kind faszinierten mich Naturphänomene. Die gewaltige Kraft der auf die Küste treffenden Wellen des Ozeans, die starken Kontraste der lebhaften Farben, das unerwartete Beben der Erde unter meinen Füssen, das alles sind Aspekte der kalifornischen Landschaft, die immer noch tief in mir verwurzelt sind. Das Leben in direkter Nähe zu solch kraftvollen Energien und solcher Schönheit riefen in mir eine tiefe und respektvolle Wertschätzung für die Natur hervor. Je mehr ich mir meiner Umgebung bewusst wurde, desto mehr fühlte ich den Drang in mir, meine Gefühle auf eine persönliche Art und Weise auszudrücken. Ich kann mich noch lebhaft an das erstaunliche Gefühl der Erfüllung erinnern, als ich mein erstes Originalgemälde fertiggestellt hatte. Alles um mich herum schien zu leuchten und ich hatte das wunderbare Gefühl eines mir inne-wohnenden glitzernden Lichts. Das war die erste Abbiegung auf meinem Weg.
Die 6 Wochen, in denen ich 1970 Japan bereiste, waren ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben. Ich lernte Leute kennen, deren Kultur, Rituale, Förmlichkeit, Disziplin und Sinn für Ästhetik mich auf äußerst subtile Weise herausforderten. Ich lernte es, Zeiträume anders zu nutzen, den Augenblick mehr zu schätzen, anerkennend zu lachen und mich mit dem Unsichtbaren in Einklang zu fühlen. Ein klares Gefühl der Berufung begleitete mich nach Hause.
New York City ist ein Ort der Kreuzungen und Ecken. Ständig kreuzt man etwas, geht um etwas herum oder rennt in irgendetwas hinein. Nachdem ich dorthin umgezogen war, begann ich ernsthaft zu malen. Unterricht in Kunst-schulen konnte ich nicht bezahlen. Deshalb verbrachte ich soviel Zeit wie möglich, indem ich durch Museen lief, Ausstellungen besuchte, mir Zeitschriften anschaute und Bücher las. Picasso, Pollock und Gorky gehörten zu meinen frühen Einflüssen und sind auch weiterhin Favoriten, aber meine Bibliothek umfasst heute Informationen über fast jede wichtige Kunstrichtung und wird komplettiert durch viele Bücher, die sich auf eine Vielzahl von Kulturen beziehen. Meine eigene Ikonografie ist ein Ergebnis freier Assoziation und Phantasie.
Als ich vor 2 Jahrzehnten den Atlantik überquerte, war ich mir nicht sicher, was ich dort vorfinden würde. Irgendetwas in mir aber wusste genau, dass die Reise notwendig und wichtig sei, weshalb ich dann noch einmal eine Richtungs-änderung vornahm und in Paris landete. Ich habe mich immer auf solche Gefühle wie diese, die mich nach mit traumwandlerischer Sicherheit Paris brachten, verlassen. Das nährt meine Vision einer Welt ohne Grenzen. Ein Ziel meiner Malerei ist es, diese Magie auszudrücken. Ich hatte schon die Möglichkeit, mir viele Städte und Orte in Europa anzuschauen und mit jedem Zwischenstop auf meinem Weg wächst meine Sammlung von besonderen Erinnerungen.
In den letzten 15 Jahren habe ich mit Hingabe und Fleiß daran gearbeitet, meine Kunst zu einem einzigartigen persönlichen Ausdruck werden zu lassen. Jede neue Arbeit ist zum Sprungbrett für die nächste geworden. Dabei hat sich bei mir immer mehr das Gefühl, wie groß das Gebiet kreativer Möglichkeiten ist, verstärkt. Vor etwas mehr als einem Jahr schickte mir Thomas Kellner ein E-Mail und fragte nach, ob ich vielleicht an einer Ausstellung meiner Arbeiten in Deutschland interessiert wäre. Nach ein paar Monaten begannen wir über Termine zu sprechen. Dies ist meine erste alleinige Ausstellung seit mehr als einem Jahrzehnt und einige meiner Arbeiten repräsentieren Versuche verschiedener Schaffensperioden. Ich freue mich schon auf das Abenteuer, meine Arbeiten wieder einmal mit der Öffentlichkeit zu teilen und nehme dazu mit Freude die nächste Abbiegung auf meinem Weg zur „Art Galerie“ in Siegen.

Cortland 2006