Albert Krüger Schnittstellen

17. Mai – 21. Juli 2011

IHK Galerie in Zusammenarbeit mit der Art Galerie Helga Oberkalkofen

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Er arbeitet auf ganz eigene Weise: erst mit der Kettensäge, später mit einem Esslöffel. Brachial und mühselig. Der Plittershagener Künstler Albert Krüger hat sich seit vielen Jahren dem Holzdruck verschrieben. In der heimischen Region waren Krügers großformatige Arbeiten zum Beispiel vor einigen Jahren im Garten des Klarissenklosters auf der Eremitage zu sehen. Dort griff er die Themen des Kreuzwegs auf: Schmerz und Tod.

In der Abstraktion und dem Spiel mit dem Zufall findet Krüger eine Formensprache, um eine bedrohte Innenwelt zu beschreiben. In der IHK-Galerie zeigt der 55-Jährige vom 17. Mai bis 21. Juli unter der Bezeichnung „Schnittstellen“ Holzdrucke und Holzreliefs aus den vergangenen fünf Jahren. Präsentiert wird die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Art Galerie von Helga Oberkalkofen in Siegen.

Das schöpferische Tun beginnt für den gebürtigen Siegener, der in Obersdorf-Rödgen aufgewachsen ist in der freien Natur oder im Holzschuppen. Er gehört zu jenen Künstlern, die sich von den klassischen Verfahren künstlerischer Druckgrafik verabschiedet haben. Krüger kann mit einer Druckpresse oder –walze nichts anfangen, denn er arbeitet mit sehr großen Holzformaten. Aus dem Sägewerk holt er sich Schwartenbretter, die dort ausrangiert wurden, oder Resthölzer, die er irgendwo aufgetrieben hat. Oft tragen sie noch Spuren eines früheren Gebrauchs. Manchmal bearbeitet er auch einfach alte Türblätter. Die rauen Hölzer bilden gewissermaßen seinen Zeichengrund. Um sie zu bearbeiten, verwendet der Lehrer für Sonderpädagogik grobe Werkzeuge: Vor allem mit der Kettensäge traktiert er die Holzoberflächen. Dort hinterlässt er gestische Spuren einer oft brachial anmutenden Oberflächenzerstörung: Breite Kerben, Schnitte, Rillen. „Ich habe keine Geduld, den Stechbeitel anzusetzen“, sagt Krüger sanft lächelnd. „Da muss richtig was passieren.“ Er braucht den Widerstand, das Abmühen mit schwerem Gerät.

Die Vernissage „Schnittstellen“ findet am 17. Mai um 19 Uhr in der IHK-Galerie, Koblenzer Straße 121, 57072 Siegen, statt.

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Die IHK-Galerie ist montags bis donnerstags von 8 bis 16.30 Uhr geöffnet, freitags von 8 bis 15.30 Uhr und jeden 1. Sonntag im Monat von 15 bis 18 Uhr.

Die IHK-Galerie zeigte seit ihrer Gründung im Jahr 1996 folgende Künstlerinnen und Künstler:
Margret Judt, Gereon Heil, Lutz Dransfeld, Ulla Horky, Daniel Hees, Silke Krah, Christine Kühn, Peter Paramonow, Rudolf Bieler/Dorothee Jasper, Eberhard Stroot, Ulrich Bossmann, Gabriele Bosch, Ulf Jonak, Benno Derda, Gabriele Schulz, Ulrich Langenbach, Ute Poeppel, Bruno Obermann, Sigrid Mertin, Ursula Kalleicher, Jürgen Königs, Thomas Kellner, Günter Hähner, Annette Besgen, Jochen Dietrich, Armin Weinbrenner, Klaus Schnutz, Volker Schnüttgen, Thomas Kleynen, Margit Schmidt, Sabiene Autsch, Ulrich Stein, Claus Harnischmacher, Reinhard Hanke, Heidemarie Königs, Marc Baruth, Gunhild Söhn, Ion Ceausu, Karin Hillmer, Barbara Christin, Katrin Rabenort und Simon Puschmann.

Die Ausstellungen werden organisiert in Zusammenarbeit mit:

Art Galerie, Helga Oberkalkofen, Siegen
Galerie Am Alten Garten, Wolfgang John, Siegen
Verein zur Förderung von Kunst und Kultur in Attendorn e. V.,
Johann-Friedrich Lüdtke

Informationen zu den Künstlerinnen und Künstlern erhalten Sie bei der IHK Siegen, Pressereferentin Tanja Bauschert, Telefon: 0271 3302-317, E-Mail tanja.bauschert@siegen.ihk.de.

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Zur Eröffnung sprach Dirk Müller M.A., Kassel

Mehrdeutigkeit

Für die Ausstellung hat der Künstler den Titel „Schnittstellen“ gewählt. Eine meiner Meinung nach ausgezeichnete Wahl. Denn mit dem Titel gelingt es Albert Krüger nicht nur das übergreifende Thema, welches alle ausgestellten Arbeiten miteinander vereint, zu benennen, sondern er ist gleichzeitig in der Lage den künstlerischen Arbeitsprozess, die charakteristischen Leitgedanken und die grundlegenden Intentionen mit einem einzigen Wort auf den Punkt  zu bringen und zu paraphrasieren. Dieser wahrhaftige Kunstgriff gelingt Albert Krüger dadurch, dass der gewählte Begriff „Schnittstellen“ eine Eigenschaft besitzt, die von Sprachwissenschaftlern als polysem oder vieldeutig bezeichnet wird. Er besitzt also mehrere Bedeutungsebenen und umfasst in der logischen Folge ein breites Spektrum an gedanklichen Verknüpfungen. Für die künstlerische Arbeit von Albert Krüger möchte ich ihnen zwei markante Bedeutungsebenen aufzeigen, mit denen sich das Werk des Künstlers einführend beschreiben lässt. Diese beziehen sich sowohl auf die praktische Arbeit, das Herstellen von Kunstobjekten also, als auch auf das theoretische Modell, welches dem gesamten Werk von zugrunde liegt.

Kommunikative Systeme

So ist eine Schnittstelle zum einem ein Teil von so genannten kommunikativen Systemen. Unter einer Schnittstelle verstehen Techniker einen Berührungspunkt, an welchem zwei oder mehr Systeme aufeinander treffen, in Kontakt treten, Informationen weitergeben oder Impulse und Gedanken austauschen. Kurz gesagt, sind Schnittstellen jene Orte, die für jegliche Form der Kommunikation unabdingbar sind.

Laut Definition unterscheidet man die verschiedensten Arten von Schnittstellen. So gibt es Maschinen-, Software- oder Netzwerkschnittstellen. Aber auch die Benutzerschnittstelle, welche als Kontaktpunkt zwischen Mensch und Gerät beschrieben wird. Geht man an dieser Stelle auf einer metaphorischen Bedeutungsebene weiter, so gelangt man zu Schnittstellen zwischen Mensch und Gegenstand, zwischen Mensch und Kunstobjekt und in der Folge zwischen Mensch und Künstler.

Und solche „Kunstschnittstellen“ finden wir auch in dieser Ausstellung. Nur ist der Kontaktpunkt ein wenig verlagert. Das Objekt, das Kunstwerk wird zur Schnittstelle, über welche der Künstler mit dem Publikum in Kontakt tritt und die es beiden erlaubt einen Blick in die Persönlichkeit des anderen zu werfen. Dem einen, dem Betrachter, gelingt dies durch das aktive Betrachten, Erforschen und Erkennen, dem anderen, dem Künstler, gelingt es durch das Beobachten von Reaktionen.

Greifbare Schnittstellen

Die zweite Bedeutungsebene des Begriffs Schnittstelle ist die wörtliche, die haptische, die greifbare. Diese Schnittstellen stehen für den praktischen Aspekt der Arbeit von Albert Krüger und bilden die künstlerische Grundlage für alle Werke, die sie heute Abend hier in den Räumlichkeiten der IHK sehen. Albert Krüger findet das Mittel für seinen Ausdruck in einer speziellen Form der Druckgrafik. Dem großformatigen Holzdruck. Der Holzdruck als technisches Medium der darstellenden Kunst gehört den ältesten technischen Verfahren der Menschheit ihre Bildvorstellungen grafisch festzuhalten und war bereits bei den Babyloniern und alten Ägyptern verbreitete eine Technik, um einfache geometrische Formen mittels eines Holzschnittes in weichen Ton zu pressen. Im Vergleich hierzu sind die Arbeiten von Albert Krüger um ein vielfaches komplexer und weisen eine Dynamik und Spontanität auf, die den impulsiven Charakter des Künstlers ebenso wie die Vielschichtigkeit der Technik, mit der diese Objekte entstanden sind, widerspiegeln.

Sehgegenstände

Ich habe an dieser Stelle bewusst die Bezeichnung Objekt gewählt, da der Künstler selbst seine Arbeiten nicht mit der klassischen Formel der Kunstbetrachtung beschreibt, nämlich dass sich ein Bild fast ausschließlich durch die auf den Bildgrund aufgetragene Farbe definiert. Die Farbe ist in den Arbeiten von Albert Krüger zwar ein wichtiges Gestaltungselement, aber lange nicht das einzige. Die Werke sind, wie er es treffend bezeichnet, Sehgegenstände, die der Betrachter nur in der Auseinandersetzung mit deren Gesamtheit entdecken kann. Und diese Sehgegenstände setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen, deren Existenz als Ganzes wichtiger Bestandteil des Endresultats ist. So verwendet er ein leicht transparentes Leinentuch, das er wiederum auf einen fragil wirkenden Holzrahmen spannt. Letzterer scheint immer ein wenig durch das Tuch und wird von dem Betrachter ebenso wahrgenommen wie die Farbe, welche Albert Krüger mit Hilfe seiner Druckstöcke auf die Leinwand gebracht hat. Und auch eben diese großen, zerfurchten und zerkratzten Druckstöcke können im Werk des Künstlers über ihre eigentliche Funktion hinaus wachsen. Überarbeitet wandeln sie sich zu eigenständigen Arbeiten, deren Oberflächenstruktur eine Tiefe besitzt, welche den Betrachter regelrecht in ihren Bann ziehen kann.  Beiden künstlerischen Varianten gemein ist die Tatsache, dass deren Wirkung sich nicht auf die ihnen eigene Fläche beschränkt. Sie wirken vielmehr wie Ausschnitte einer größeren Komposition, welche der Betrachter aufgreifen und in seinem Kopf fortsetzen kann. Diese Aktivierung des Betrachters macht eine grundlegende Qualität dieser Arbeiten aus.

Der Prozess des Holzdrucks

Albert Krügers Sehgegenstände entstehen in einem komplexen Prozess mehrteiliger Arbeitsschritte, die unterschiedlicher nicht sein könnten und welche eben durch diesen Kontrast die unverwechselbare Intensität und Kraft der Arbeiten hervorrufen.

Mit dem klassischen Druck, der den meisten von uns im Geiste vorschwebt, hat die Arbeit von Albert Krüger nur bedingt etwas gemeinsam. Große Walzen, Pressen, Rollen und schwere Maschinen, die in ein paar Stunden Auflagen von mehreren hundert Exemplaren auswerfen können, sucht man in der Werkstatt von Albert Krüger vergeblich. Schon früh in seiner künstlerischen Laufbahn musste er andere, neue Wege gehen, um seinen Ideen den geeigneten Ausdruck geben zu können. Und aus diesem Grund finden sich in seinem technischen Repertoire alltäglichere Dinge. So werden alte Türen oder Regale, Fundstücke aus dem Wald oder ausrangierte Bohlen aus dem benachbarten Sägewerk zur Druckplatte, oder Druckstock wie der Fachmann sagt.

Und an diesen setzen nun die „wörtlichen“, die für Jeden sichtbaren Schnittstellen an. Albert Krüger bearbeitet mit grobem Werkzeug die blanken Holzstücke. Mit der elektrischen Kettensäge, dem Messer oder Stechbeitel schneidet, kratzt und schabt der Künstler Stücke aus der glatten Oberfläche und lässt Löcher, tiefe Furchen und Kratzer zurück. Was zunächst nach grober Zerstörung klingt, ist vielmehr der erste Schritt eines impulsiven Schaffensprozesses. Durch gezieltes wegnehmen von Material, durch spontanes Reagieren auf entstandene Formationen, Linien und Flächen entsteht in dem Holz allmählich, Schnitt für Schnitt, ein sichtbares Abbild der Idee des Künstlers. Ein Drucknegativ, ein Holzrelief.

Alltägliches Werkzeug

Dieses Negativ bildet die Grundlage für den anschließenden Druck. Hierzu färbt Albert Krüger die stehen gebliebenen Holzstege mit Druckfarbe ein. Am liebsten sind ihm die Farben Rot und Schwarz. Manchmal blitzt ein klares Weiß, erdiges Grün oder zurückhaltendes Braun zwischen den dominanten schwarzen Flächen hervor. In einigen Fällen überlagert dann wieder ein kräftiges Orange-Gelb die gesamte Komposition.

Nach dem Farbauftrag folgt nun der eigentliche Druck. Waren die Einschnitte in den Druckstock, aufgrund des verwendeten groben Werkzeugs spontan und nur bedingt steuerbar, wird das Prinzip des Zufalls in dieser Phase nun endgültig zum bestimmenden Moment. Das wichtigste Werkzeug hierbei ist ein Gegenstand, dessen Auftauchen und Verwendung in diesem gesamten Zusammenhang eher überrascht, den wir aber alle kennen und in unseren Küchenschubladen finden können. Ein Löffel.

Druck, Geduld und Wirkung

Nachdem Albert Krüger das Leinentuch auf dem Druckstock positioniert hat, reibt er mit dem Löffel über das auf den Rahmen gespannte Tuch. Presst es auf den Druckstock, wodurch das Leinentuch die Farbe aufnimmt. Wir haben es hier mit einem Druckverfahren zu tun, bei welchem sich die Farbe nicht durch den gleichmäßigen und kontinuierlichen Druck einer Presse abdrückt. Man kann es vielmehr als ein punktuelles Druckverfahren bezeichnen, durch welches sich die Farbe Stück für Stück auf das Tuch presst. Diese Technik erfordert vom Künstler folglich ein Höchstmaß an Spontanität, Flexibilität, Risikofreude und auch Geduld. Denn obwohl Albert Krüger den Löffel bewusst über die Oberfläche gleiten lässt, mal mit mehr und mal mit weniger Intensität, kann er niemals vorhersagen, was entstanden ist, wenn er das Leinentuch von der Druckplatte hebt.

Das Ergebnis fordert Albert Krüger heraus, es provoziert ihn, lässt ihn reagieren. Er antwortet mit weiteren Druckgängen, in denen er Farbe, Farbauftrag, Position oder Druckstärke variiert. Bestehende Formen und Farben Schicht um Schicht überlagert oder miteinander verbindet und auf diese Weise Arbeiten erschafft, deren Komplexität in Herstellung und Bildaufbau das Publikum immer von Neuem herausfordern. Ihm immer wieder neue Dinge zum Entdecken geben. Dirk Müller im Mai 2011