Urszula Tarasiewicz: Neue Großstadtlegenden

24. Juni 2012 bis zum 15. September 2012

Die Art-Galerie Siegen präsentiert ab dem 24. Juni 2012  die Polnische Künstlerin: Urszula Tarasiewicz

Die Ausstellungseröffnung findet am Sonntag, den 24. Juni 2012 um 11.00 Uhr in der Art Galerie, Fürst-Johann-Moritz- Str. 1, 57072 Siegen statt.

Zur Eröffnung sprach Kirsten Schwarz.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Ars Victoria Verlag Siegen

KM347D-016

Urszula Tarasiewicz (1975) ist eine der bekanntesten polnischen Künstlerinnen der jüngeren Generation. Ihre Projekte richten sie vor allem an Kinder – „Neue Großstadtlegenden“ ist ein besonderer Zyklus ihres Werks und wurde in der Kunstpresse breit diskutiert.

Tarasiewiczs Fotozyklus ist Bestandteil eines Großprojekts, in dessen Rahmen zahlreiche Kinder aus den ärmsten Warschauer Familien an verschiedenen Kreativ-Workshops teilnahmen. So erfanden die Kinder z.B. während des Literaturunterrichts fiktive Lebensgeschichten rund um ihren Heimatort. Ula Tarasiewicz faszinierte vor allem die Begeisterung, mit der die Kinder zu ihren eigenen Märchenfiguren wurden, aber auch die Ernsthaftigkeit, mit der sie diese Rollen spielten. So entschied sich die Künstlerin für die Entwicklung eines eigenen Fotoprojekts – ihre Bilder zeigen die Kinder in einem neuen Licht:
Tarasiewicz verleiht ihren Modellen die Würde verantwortungsvoller und reifer Menschen, die die Freude am Kindsein nicht verloren, sondern Vertrauen zu ihr gefunden haben. Ula hat es ihnen erlaubt, Helden ihrer eigenen privaten Geschichten zu werden. Auf diese Weise entstanden die Abenteuer der Zahnärzte aus der „Strasse der Ząbkowska“, die Geschichte des Friseurs aus Targówek oder der Bericht über ein Mädchen, das nach einem Papagei benannt wurde und ein Kind aus einem brennenden Mietshaus rettete.

Urszula Tarasiewicz: The fireman 1 / Der Feuerwehrmann 1 / Strazak 1Urszula Tarasiewicz: The fireman 2 / Der Feuerwehrmann 2 / Strazak 2Urszula Tarasiewicz: The fireman in a white tshirt/ Weißes T-Shirt Feuerwehrmann / Strazak w bialej koszulceUrszula Tarasiewicz: The fireman with a book / Feuerwehrmann mit einem Buch /Strazak z ksiazkaUrszula Tarasiewicz: The four firemen / Vier Feuerwehrmänner / Czterech strazakówUrszula Tarasiewicz: The five firemen / Die fünf Feuerwehrleute / Pieciu strazakówUrszula Tarasiewicz: The firemen at backyard / Hinterhof Feuerwehrleute / Strazacy na podwórkuUrszula Tarasiewicz: The boy with the suspenders / Der Junge mit Hosenträgern / Chlopiec z szelkamiUrszula Tarasiewicz: The accountant / Der Buchhalter / KsiegowyUrszula Tarasiewicz: The boy with a trolley / Der Junge mit dem Kinderwagen / Chlopiec z wózkiemUrszula Tarasiewicz: The boys playing cards / Die Jungen spielen Karten / Chlopcy grajacy w kartyUrszula Tarasiewicz: The three boys / Drei Jungs / Trzech chlopcówUrszula Tarasiewicz: The boy with a helmet / Der Junge mit dem Helm / Chlopiec w kasku

Die neuen Stadtlegenden von Ula Tarasiewicz

In jeder Großstadt gibt es einen Stadtbezirk, der sich eines schlechten Rufes erfreut. In Warschau ist das Prag (pol. Praga). Obwohl es für manche ein magischer Ort  besonderer Stimmung, mit alten Mietshäusern, Galerien und kleinen Künstlerkneipen ist, betrachten die meisten Prag als das Stadtviertel der Armut und der zusammenfallenden Gebäude, wo es in der Nacht gefährlich und bei Tag unangenehm ist.

Hier sind einige Stiftungen tätig, die sich um Abhilfe bemühen und die Situation der Einwohner ändern wollen. Ihre Projekte richten sie vor allem an Kinder, da die alte Generation nicht mehr für Veränderungen empfänglich, sondern misstrauisch ist. Eine der Stiftungen heißt Moma der Film, die in Prag das Projekt “Die neuen Stadtlegenden” realisiert hat. Aus den Erzählungen der Kinder wurden Drehbücher und aus den Drehbüchern Filme. Selbst der Dreh fand zusammen mit den Kindern statt, die sich nicht nur in Schauspieler, sondern auch in Regisseure und Kameramänner verwandelten. Die fiktiven Schicksale der Kinder bildet die Grundlage des Fotozyklus der Autorin Ula Tarasiewicz. Sowohl die Ausstellung als auch der Katalog werden in der Art Galerie präsentiert.

the available special editions for her first book

Urszula Tarasiewicz: special edition 1, from New Urban Legends 2012 ars victoria verlag siegenUrszula Tarasiewicz: special edition 2, from New Urban Legends 2012 ars victoria verlag siegenUrszula Tarasiewicz: special edition 3, from New Urban Legends 2012 ars victoria verlag siegenUrszula Tarasiewicz: special edition 4, from New Urban Legends 2012 ars victoria verlag siegen

Ula Tarasiewicz beendet 2006 ihr Studium der Fotografie an der Nationalhochschule für Film, Fernsehen und Theater in Lodz. Zurzeit leitet sie die Firma „Wallphotex“, ein Projekt, das sich mit der Produktion künstlerischer Fototapeten beschäftigt.
Sie ist Autorin zahlreicher Einzelausstellungen u. a. im Rahmen des Internationalen Festivals für Fotografie in Lodz (2006), des Festivals Camerimage in Lodz (2006), des Festivals Transfotografia im Dreistädteverbund, (Gdańsk, Gdynia und Sopot) (2007), der Yours Gallery in Warschau (2007) und der Galerie Klima Bocheńska in Warschau (2010). Sie ist Preisträgerin des ersten Preises des Sittcomm.award Wettbewerbs in Bratislava (2006) und gewann im Jahr 2010 einen Preis des Magazins PDN in der Kategorie Porträt (Ausstellung in der Milk Gallery in New York). Im gleichen Jahr wurde sie aus den 50 besten Autoren des Wettbewerbes Art Takes Miami ausgewählt, im laufenden Jahr fand sie sich in den zehn Finalisten des Wettbewerbs Artists Wanted in Oslo wieder.

Die neuen Stadtlegenden ist ein besonderer Zyklus im Werk der Künstlerin. Als  Teil einer bedeutenden Sammlung für Gegenwartskunst ist er im Andel’s Hotel in Lodz ausgestellt. Diese sich ständig vergrößernde Sammlung besteht aus Werken der Malerei, Wandmalerei, Installation und der Fotografie herausragender polnischer und österreichischer Künstler.

Ula Tarasiewicz arbeitete im Projekt “Die neuen Stadtlegenden” offiziell als Fotografin und entschied sie sich für die Entwicklung eines eigenen Fotoprojekts, das keine Dokumentation des Workshops, sondern eine Stand-Alone-Präsentation darstellt.

Die Bilder der Künstlerin schaffen eine außergewöhnlich märchenhafte Atmosphäre für Erwachsene. Und obwohl sie von Kindern handeln, sind sie auch wichtig für uns – wir brauchen sie einfach.

Kirsten Schwarz: Urszula Tarasiewicz

Warschau ist eine geteilte Stadt. Der schicke Westen der Stadt glänzt mit Hochhäusern, Shopping-Meilen und sanierten Vierteln. Der östliche Teil der Stadt, das Viertel Praga, wurde seit dem 2.WK vergessen und vernachlässigt. Keine Sanierungsmaßnahme erreichte bisher die Straßenzüge aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Praga gilt heute als heruntergekommen und gefährlich. Hier kommt es regelmäßig zu Verbrechen, die Bewohner sind arm und chancenlos. Wie überall treffen diese Zustände am härtesten die Kinder. Sie kennen kein anderes Leben, ahnen aber instinktiv, dass sie auf der Verliererseite stehen. In diesem Viertel kommt es nun langsam zu Veränderungen: Einerseits rückt es ins Blickfeld der Subkultur und der Künstler, die der morbide Charme der zerfallenden Gebäude anzieht und die authentische Vielfalt des Viertels, die in den immer gleichen Hochglanz-Straßen des westlichen Teils der Stadt nicht mehr zu finden ist. Zum zweiten  gibt es immer mehr soziale Projekte, die den Bewohnern  Pragas und besonders den Kindern Perspektiven aufzeigen wollen. Und an diesem Punkt kommen die scheinbar gegensätzlichen Welten der intellektuellen Künstler und der vernachlässigten Kinder zusammen.
Urszula Tarasiewicz stellt in ihren hier gezeigten Fotoserien ‚Firemen‘ und ‚new urban legends‘ sowohl ein soziales  Film-Projekt als auch die darstellenden Kinder in einer ganz eigenen, eindringlichen Form vor. Ihre Fotografien entstanden als Dokumentation und Teil des ‚making of‘ mehrerer  Workshops zwischen 2009 und 2010  in welchem Kinder eigene Filme entwickelten und spielten. Drehort war ihr Viertel, ihre Geschichten waren zum Teil seltsam und bedrückend, zum Teil aber auch poetisch schön. Wie die Geschichte von den tapferen Feuerwehrmännern und dem Papageienmädchen, das sie ruft um ein Haus zu löschen. Diese Geschichte basiert auf den immer wieder ausbrechenden Feuern in Praga, die durch Unachtsamkeit und nicht vorhandene Sicherheitsbestimmungen entstehen. Jedes Kind dort hat bereits ein brennendes Haus gesehen. Die Kinderbrigade in den Fotografien strahlt Heldenmut und Selbstironie zugleich aus.
Urszula Tarasiewicz zeigt diese Kinder in ihren stolzen Posen, aber auch in den stillen Momenten zwischen den Szenen. Jedes Kind ist eine eigene Persönlichkeit und füllt seine Rolle anders aus.
Als Absolventin der ‚Nationalen polnischen Filmhochschule‘ arbeitet Urszula Tarasiewicz als freie Fotografin, aber auch für verschiedene Filmprojekte als Set-Fotografin. Sie lebt mittlerweile in Oslo und reist viel.
Die Kinder-Workshops in Polen gaben ihr die besondere Gelegenheit, als Fotografin innerhalb eines  Filmprojekts völlig frei zu arbeiten. Sie war  in der glücklichen Lage, ihre Impressionen des Geschehens am Set mit ihrer Art von Fotografie zu realisieren. So entstanden Aufnahmen von großer Intensität, die den Porträtierten Raum und Zeit ließen, sich mit der Situation anzufreunden. Es sind keine Momentaufnahmen, sondern sorgfältig ausgeführte und komponierte Fotografien, in denen die Aufmerksamkeit der Fotografin an den Gesichtern der Personen ablesbar ist. Meist bleibt der Hintergrund unscharf, der Fokus liegt auf den Gesichtern. Sie arbeitet mit einer Hasselblad-Kamera, macht mehrere Aufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Posen, so dass  das Fotografiert-werden für die Porträtierten zu einem bedeutsamen Ereignis wird.
Man sieht den Gesichtern das unerbittliche Leben an, ein täglicher Kampf, ein Durchbeißen und Durchschlagen, im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne. Gewalt spielt in Praga eine große Rolle, Frauen und Kinder sind meist die Opfer. In  Urszula Tarasiewicz Porträts ist all dies zu sehen ohne dass in ihnen etwas Mitleidiges wäre. Im Gegenteil, den Respekt, den die Fotografin den Personen zollt bekommt sie zurück in Form von echten Individuen, die sich ihrer Würde durch den Akt des Fotografierens wieder bewusst werden.
Urszula Tarasiewicz Fotografien schlagen eine Brücke zwischen Dokumentation und Kunst. Man spürt die Sorgfalt der Arbeit, ihre Neugier auf die Menschen und ihre Bemühungen, Zugang zu den Personen zu finden, die sie porträtiert. Dennoch verliert sie nie die professionelle Distanz, die die Menschen erst dazu bringt, Vertrauen zu fassen.
Sie möchte, dass die Fotografien wirken wie alte Bilder, sagt Urszula Tarasiewicz. Die ist ihr gelungen. Die Hochzeit der dokumentarischen Fotografie endete in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Reportage-Fotografie hat sie ersetzt. Urszula Tarasiewicz wandelt auf den Spuren der Dokumentar-Fotografie ohne sie zu imitieren. Frappierend ist jedoch die Analogie zu den Fotos August Sanders, dessen Porträts aus den zwanziger Jahren denselben offenen  Blick aufweisen. Auch hier schauen die Personen den Betrachter direkt an. Er erkannte, dass ein gutes Porträt dem Menschen die Möglichkeit zur Selbstdarstellung geben muss. Er wollte den von seiner Umwelt geprägten sichtbaren Charakter der Menschen zeigen.
Die Geschichten der Kinder und der Erwachsenen von Praga sind in den Fotografien Urzsula Tarsiewicz präsent. Unausgesprochenes liegt in den Blicken, Melancholie, Traurigkeit, Erfahrungen, die Kinder zu früh erwachsen werden lassen. Zugleich die Lust der Kinder am Spiel und an der Verkleidung, die für Kinder, die mit wenig Zuwendung aufwachsen, eine kleine Flucht darstellen. In ihren Fotografien werden Individuen gezeigt, Menschen mit Geschichte, Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Im Gegensatz zu August Sanders stets ernsten Bildern gelingt es Urszula Tarasiewicz heute oft eine besondere Art von Humor in ihre Aufnahmen zu bringen, der nicht entlarvend, sondern empathisch ist. Lebenslust und Lebenshunger zeigen sich gerade in den Kinder-Porträts häufig.  In Ursula Tarasiewicz sensiblen Porträts werden sie alle zu den Helden der neuen Stadt-Legenden.
Kirsten Schwarz

Danke an unsere Gäste, die den Vormittag zu einem schönen Erlebnis machten

Pressestimmen

23. Juni Siegener Zeitung

2012-06-23_SZ_network

Westfälische RundschauFreitag 22. Juni 2012

img007