Die Art Galerie Siegen präsentiert ab dem 15. November 2015:
Marc Baruth: “______”/LAND

Die Ausstellungseröffnung findet statt am:
Sonntag, den 15. November 2015, um 11 Uhr
in der Art Galerie, Fürst-Johann-Moritz-Str. 1, 57072 Siegen

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Der 1974 in Siegen geborene Künstler und Designer Marc Baruth studierte von 1994—1999 Allgemeine Literaturwissenschaft, Kunst und Anglistik an der Universität Siegen und absolvierte daran anschließend an der Fachhochschule Dortmund das Studium Kommunikationsdesign mit dem Studienschwerpunkt Fotodesign, welches er 2005 mit dem Diplom abschloss.

2002 erhielt Marc Baruth den Kodak-Nachwuchsförderpreis (gemeinsam mit Bozica Babic) für die Arbeit “New Morning”. Mit seiner Diplomarbeit “Der verlorene Sohn – Landschaftsinszenierungen nach Peter Paul Rubens” gewann er den ersten Preis im Wettbewerb zum Thema “Heimat” des Magazins “Photographie” und war einer der Preisträger des renommierten Wettbewerbs “gute aussichten – junge deutsche fotografie 2006/2007″.
Seine Arbeiten wurden international ausgestellt (u.a. in New York, Chicago, Madrid, London, Brüssel, Antwerpen, Berlin, Düsseldorf) und in zahlreichen Publikationen veröffentlicht.

Mit seiner neuen Arbeit “______”/LAND erforscht Marc Baruth, ebenso wie in “Der verlorene Sohn”, weiterhin Aspekte der Landschaftsfotografie und der digitalen Bildmanipulation und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Arten bildnerischer Wahrnehmung, der Frage nach der Autorenschaft von Bildern und der Transformation fotografischer Sujets.

Baruth, Marc, Huegel II, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 54 x 36 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 4 + 1Baruth, Marc, Huegel I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 36 x 24,2 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 6 + 1Baruth, Marc, Feuer, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 23,4 x 36cm  Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 6 + 1Baruth, Marc, Feld I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 36 x 24,9 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 6 + 1Baruth, Marc, Zaun I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 84 x 56 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, Haus I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 56 x 35,3 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 4 + 1Baruth, Marc, Haus II, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 34,6 x 56 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 4 + 1Baruth, Marc, Weg I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 76 x 51 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, Wiese II, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 56 x 84,2 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, Garten III, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 22,6 x 36 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 6 + 1Baruth, Marc, Huette, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 46 x 32,7 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 4 + 1Baruth, Marc, Hof, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 83 x 56 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, Strasse, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 24 x 36 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 6 + 1Baruth, Marc, Tal II, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 76 x 53,7 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, Garten II, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 76 x 53,9 cm  Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, Insel, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 83,8 x 56 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, See II, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 76 x 53,7 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 2 + 1Baruth, Marc, See I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 33,1 x 46 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 4 + 1Baruth, Marc, Spielplatz, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 55,7 x 36 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 4 + 1Baruth, Marc, Garten I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 54,5 x 36 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 4 + 1Baruth, Marc, Tal I, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 24,4 x 36 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 6 + 1Baruth, Marc, Zaun II, aus der Serie “______“/LAND, 2014/2015, 36 x 25,3 cm Pigmentdruck/Archival Pigment Print, 6 + 1

Basierend auf alten Schwarz-Weiß-Fotografien aus Familienalben werden Landschaften in den Fokus gerückt, die vormals lediglich Kulisse waren. Die Spuren des Dagewesenen sind noch sichtbar, die Leerstellen auffällig. Wie verändert sich ein Bild, wenn man es seiner ursprünglichen Intention „beraubt“? Eine unheimliche Schönheit geht von den monochromen Aufnahmen von Wäldern, Wiesen, Häusern und Seen aus, die ihr Geheimnis nicht sofort preisgeben.

Art Galerie Siegen
Marc Baruth: “______”/LAND
15.November 2015 – 09. Januar 2016
Vernissage: Sonntag, 15. November,  11.00 Uhr
Zur Eröffnung sprach Stefanie Scheit-Koppitz M.A.

Geisterspuren über Land

Marc Baruths fotografische Arbeiten der neuen Werkgruppe „____Land“ zeigen allesamt menschenleere Landschaften, genauer: Landschaftsausschnitte. Mehrheitlich sind es Hügel- Waldrand- und Feldansichten, ferner werden Einblicke in Gärten oder Streuobstwiesen gewährt. Es gibt Grünflächen mit Hausgiebel oder Gestrüpp mit Bretterschuppen, auch ein Innenhof, ein Waldweg, eine Straßenallee. Die mittelformatigen Bilder sind keine im traditionellen Sinne gestalterisch durchkomponierten Landschaften aus künstlerisch eigenwilliger Perspektive. Sie zeigen weder das romantische, postromantische, neusachliche oder modernistische Panorama, noch sind sie Porträts von Flur- Brach-, Fluss- oder Industrielandschaften, wie wir sie aus der dokumentarischen Fotopraxis kennen. Im Gegenteil: Die verwaschene, grünlich-braune Tonigkeit der Bilder, ihre angeschnittenen Motive, schiefen Horizontlinien, insbesondere ihre Unschärfen lassen sie als Amateurfotografien einer vergangenen Ära erscheinen. Das vergrößerte Format und die Technik des ‘Archival Print’ verraten jedoch eine dezidiert künstlerische Handschrift, gleichsam datieren sie die Fotografien zweifelsfrei in die Gegenwart.
Marc Baruth interessiert sich für den Blick des Amateurs, für jene Kennzeichen der Knipserbilder, die gewöhnlich als „Fehler“ angesehen werden, denn gerade diese „dilettantischen Makel“ verleihen den Bildern Unmittelbarkeit und Authentizität. Jedoch imitiert Baruth nicht die Ästhetik des Amateurs – wie es durchaus viele Künstler lange schon praktizieren – sondern bedient sich ihrer dergestalt, dass er auf bereits vorhandenes Fundmaterial zurückgreift und dieses digital bearbeitet. Er wird zum Co-Autor und tritt neben einen, teils anonymen, teils ihm bekannten Amateurfotografen.
Mit dem neuen Zyklus „____Land“ reiht sich Baruth in eine große Gruppe zeitgenössischer Fotografen ein, die ganz bewusst nicht mehr selbst fotografieren.
Innerhalb dieser Strömung gibt es Künstler, die in einem bestimmten konzeptuellen Rahmen arbeiten. Bewusst erwerben sie aufgelassene Studio- und Foto- Archive, kaufen oder tauschen auf Flohmärkten, in Internetbörsen oder über Auktionen anonymes Bildmaterial. Der künstlerische Prozess besteht in der Auswahl, im Ordnungssystem, in der Anlage von thematischen Serien, bis hin zur Gestaltung von Fotobüchern. Für eine bestimmte Zeit werden Sammlungen einer Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt, das Publikum zum Mitvollzug animiert. Kennzeichen dieser Fotopraxen ist es, den Betrachterblick auf menschliche Verhaltensweisen, auf Alltagsgewohnheiten, wie auch kulturellen Besonderheiten zu lenken; Erinnerungsspuren werden ans Licht befördert, das sogenannte „kulturelle Gedächtnis“ wachgerufen.
Wiederum andere Künstlerinnen und Künstler nehmen gleichsam mit Marc Baruth künstlerische Eingriffe am Fundmaterial vor, fügen hinzu, nehmen weg, verfremden; auch sie stellen mit ihrer Praxis, die das Fotografische mit dem Malerischen verbindet, die Wahrnehmungsgewohnheiten der Betrachter im Umgang mit dem fotografischen Bild auf den Prüfstand.

Welche Wahrnehmungsgewohnheiten stellen Baruths Fotografien auf den Kopf? Welches Fotoarchiv nimmt der Künstler zum Ausgangspunkt? Was genau tut er mit dem Material?
Zunächst einmal bezieht sich Marc Baruth auf eine Auswahl an geerbten Fotoalben aus der eigenen Familie, alle angelegt in einem Zeitraum von den 1930er bis 1960er Jahren. Diese Privatbilder unterzieht er einem Sichtungsprozess. Die neue Serie „____Land“ stellt nur die Bilder vor, die ihn zu weiterer künstlerischer Tätigkeit herausgefordert haben.
Dazu Baruth: „Ich habe für die neue Werkgruppe „____Land“ nur Familienporträts ausgewählt mit für mich interessanten Land bzw. Landschaftsausschnitten. Es gibt natürlich noch mehr Bilder in meinem Besitz, die zur Serie passen könnten und die ich vielleicht später noch integrieren werde. Der Fundus aus dem ich mich bediene, hat jedoch einen begrenzten Umfang. Als Ausgangsmaterial nehme ich nur private Fotos zu denen ich einen Bezug habe. Diese Beziehung muss nicht zwangsläufig ganz eng sein. In meiner Sammlung befinden sich auch Alben aus meinem erweiterten Familienkreis. Weiter möchte ich nicht ausgreifen.“
Hat Baruth die Auswahl aus dem Privatarchiv getroffen, so folgt als zweiter Schritt der künstlerische Eingriff, das hochauflösende Einscannen der ursprünglich sehr kleinen Bildformate sowie daran anschließend die mitunter sehr langwierige digitale Bearbeitung. Bearbeitet wird wenig, das Wenige jedoch radikal. Unberührt bleiben die Ausschnitte, zuweilen erfolgt eine Aufbesserung von sehr dominanten Gebrauchsspuren wie Knickstellen oder Einrisse an den Rändern. Der große Eingriff, auf den sich Baruth konzentriert, ist die Hinwegnahme der dargestellten Personen. Denn die vermeintlichen Land-Fotografien waren ursprünglich Freiluftporträts von Familienangehörigen. Mit diesem Wissen versteht man sogleich das wiederkehrende Hochformat der Fotografien und die eigentümliche Leere, die sie ausweisen. Noch etwas wird deutlich:
Die Retusche erfolgte einerseits virtuos, andererseits dergestalt, das „Bruchstellen“ sichtbar bleiben: -verwischt aufgehellte Bildflecken, eigentümlich gegen die Logik bewegte Grashalme, ein abrupt abknickender Zaun, ein Faltenwurf in einer Baumrinde. „Leerstellen“ nennt Baruth diese Bildzonen, oder „bewusste Fehler“. Es sind die für ihn eigentlich spannendsten Bildstellen, die unsere Bildwahrnehmung irritieren und unsere Bilddeutung herausfordern.
So besitzen Baruths Fotografien zweifach „Fehler“: Zu ihrer ungelenken amateurhaften Ästhetik, die gerade deswegen Realitätscharakter verspricht, gesellt sich eine amateurhafte Bearbeitung, die das Irreale, das Unheimliche heraufbeschwört.

Was bleibt also übrig, wenn das Hauptmotiv, das Subjekt, das Anlass für die fotografische Abbildung war, entfernt? Wenn der dargestellte Menschen zum Verschwinden gebracht wird, der einst das Bild motivierte; der aus der Vergangenheit zu uns und mit uns, den Betrachtenden in der Zukunft, kommunizieren sollte? Lediglich Landschaften, so haben wir bereits entdeckt, sind Baruths Bilder ja nicht.


Es ist ein Charakteristikum des Mediums der Fotografie, das sie deutlicher als andere Künste, beispielsweise die Malerei oder die Literatur, einen Referenzbezug zur Außenwelt besitzt. Trotz ihrer Manipulierbarkeit gelten fotografische Bilder immer noch als Abbild von etwas, das gewesen ist. Die Fotografie bewahrt die materielle Spur einer Welt, die einer vergangenen Ära angehörte, einer Vergangenheit, die einmal gegenwärtig war und in ihrer gezeigten Erscheinung nicht mehr zugänglich ist.
Roland Barthes hat in seiner berühmten Schrift „Die helle Kammer. Bemerkungen zur Fotografie“ (1985) sehr deutlich auf diesem Referenzbezug beharrt, indem er den indexikalischen als auch dokumentarischen Charakter der Fotografie herausstellte: Barthes’ Gedanke des „ça-a-été“, d.h. „es ist gewesen“ hat selbst im post-fotografischen Zeitalter weiter Gültigkeit. Hinzu tritt die Schlussforderung: „was hier zu sehen ist, ist so nicht mehr da“. Für die Mehrzahl der fotografischen Bildpraktiken – private Schnappschussfotografie, journalistische Fotografie, Reportagefotografie, dokumentarische Fotopraxis etc. – ist das Bildkonzept des Bildes als Abbild von etwas, was einmal real existierte, grundlegend.i
Mit diesem Referenzbezug spielt Baruths Bildpraxis. Um es kurz zu machen: Mit dem Entfernen der Personen aus den Fotografien unterwandert Baruth die dokumentarische Funktion als auch die memoriale Funktion des Bildes.
Private Knipserfotos sind wichtige Zeugnisse eines individuellen und kollektiven Gedächtnisses, sie bewahren für die engste Familie das Andenken an die dargestellte Person und ganz generell, in einer zeitlichen Verschiebung, an Menschen des jeweiligen Jahrzehnts bzw. Jahrhunderts. Private Porträts entstehen vorrangig, um die Existenz der dargestellten Personen abzusichern und das jeweilige zeitliche Ich festzuhalten, zu befragen: „Seht her, so war das damals, so sah ich aus, diese Person bin ich einmal gewesen“.
Die Beglaubigung der Existenz, sowie das Andenken entfallen mit dem manipulativen Eingriff, dem Entfernen der Menschen. Jedoch – und das ist das Besondere – nicht vollständig. Indem Baruth die Personen nicht vollständig auslöscht, sondern Leerstellen kreiert, die als solche wahrgenommen werden, legt eine neue materielle Spur aus. Es bleibt ein Verweis stehen, eine Andeutung, das hier einmal etwas anders war, das hier einmal etwas ANDERES war. Mit der digitalen Bearbeitung hat Marc Baruth die materielle Spur der Personen durch – wenn man so will – „Geisterspuren“ ersetzt. Welche Geister dies sein könnten, überlässt der Künstler uns Betrachtern und der imaginären Kraft unserer Wahrnehmung.

Stefanie Scheit-Koppitz
Redemanuskript, Siegen, Art Galerie, 15.11.2015

1Eva Schürmann, Worauf rekurrieren die Bilder? Zum Referenzproblem bildlicher Darstellungen. Beitrag zum XXI. Deutschen Kongress für Philosophie, September 2008 in Essen. Hrsg. v. C. Gethmann. CDRom.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im  ars victoria Verlag Siegen.

Einen ganz herzlichen Dank an die vielen Besucher zur Eröffnung. Es war ein wunderbarer Vormittag!