Die Art Galerie Siegen präsentiert ab dem 18. Februar 2018:
Kolja Senteur: Kosmos

langdin_artgalerie_171219b-Vernissage: Sonntag, den 18. Februar 2018, um 11 Uhr
Art Galerie, Fürst-Johann-Moritz-Str. 1, 57072 Siegen

Kosmos, so der Titel der Ausstellung von Kolja Senteur in der Art-Galerie Siegen. Die Kunst von Senteur kann man wohl am besten in den Bereich Pop-Art einordnen. Derzeit sind es aber drei Themenkomplexe die im Vordergrund seines Schaffens stehen. Da wären zunächst seine Rusalken. Rusalka ist ein Begriff aus der slawischen Mythologie und bezeichnet Frauen die ins Wasser gegangen sind. Sie haben ihr Pendant in den Quellnymphen der Antike oder den Meerjungfrauen der Romantik. Sie leben unter Wasser oder rund um die Quelle, sind an diese gebunden und locken mit ihrer Schönheit einsame Wanderer ins Wasser und damit ins Verderben. Ein weiterer Werkskomplex sind Koljas Girls and Monsters. Inspiriert durch die B-Movies der 60’er und 70’er Jahre, also schlechten Horror- und Actionfilmen, die alle eins gemeinsam haben. Zu den Protagonisten gehören immer ein oder mehrere Monster und eine schöne Frau. Der dritte Bereich der aktuellen Kunst von Kolja Senteur sind Comicarbeiten. Senteur ist ein großer Fan, vor allem alter Comics. Auch hat er selbst schon viele geschaffen. In seiner freien Malerei verknüpft er die alten Comicgeschichten mit der cineastischen Umsetzung. Ein Beispiel dafür ist sein Bild Barbarella (siehe Foto). Auf original Comicseiten aus den 60’er Jahren hat er Jane Fonda gemalt, die in der Rolle der Barbarella ihren internationalen Durchbruch hatte.
Wir laden Sie nun herzlich zur Ausstellung ein, sich selber ein Bild zu machen.

Kolja Senteur
Kosmos
18. Februar bis 07. April 2018
Vernissage: Sonntag, 18. Februar 2018, 11 Uhr
Zur Eröffnung sprach Kirsten Schwarz

Kolja Senteur
‚Ich bin der Meinung, dass ein Kunstwerk wirklicher ist, wenn es aus Teilen der wirklichen Welt gemacht ist.‘
Diese Statement des Pop-Art-Künstlers Robert Rauschenberg trifft auch auf den hier ausstellenden Künstler Kolja Senteur zu.
Er ist ein äusserst vielseitiger Künstler. Seine Werkgruppen umfassen neben den hier gezeigten Pop Art Bildern Akte, abstrakte Welten, Portraits und das Thema Lichtdarstellung.
Kolja Senteur spielt gern mit Genres und kombiniert die Motivik der Pop Art mit verschiedensten Techniken, die erst in der Betrachtung der Originale sichtbar werden. Aufwendig hergestellt und in Schichten aufgetragen entwickeln sich auf der Leinwand ineinander verwobene Sujets, deren unterschiedliche und komplexe malerische Behandlung im Gegensatz stehen zum vermeintlich banalen Motiv.
Comics galten lange Zeit als nicht zur Kunst gehörig, sie wurden als trivial abgetan und als Produkte für den Massenkonsum abgelehnt. Heute zählt der Comic zur bildenden Kunst. Aus der Grafik kommend werden die Zeichnungen mit Bleistift und Tusche im typisch illustrativen Stil vorgezeichnet, dann flächig ausgemalt.
In den sechziger Jahren erfreute sich das Superhelden-Comic besonderer Beliebtheit. Dieser zeigt gestählte männliche Körper anstatt drolliger Comic-Tiere oder Karikaturen, ihm zur Seite stand bei seinen Abenteuern das attraktive, mit überzogenen weiblichen Attributen ausgestattete, unerschrockene Comic girl. Heldinnen gab es auch damals bereits einige wie ‚the invisible girl‘ ‚ms. Marvel’, ‚wonderwoman‘ und natürlich ‚Barbarella‘. Wichtige Attribute der Heldin waren Stärke und Mut aber zugleich auch Laszivität. Ihre Kostüme mussten knapp sein, oft sogar zerrissen – sie scheute schliesslich keinen Kampf – und irgendwo brachten sie auch noch eine Waffe unter. Dieses vom Pin up Kult der fünfziger inspirierte Comic-Heldinnenbild bediente gleichermassen die Idee der kämpfenden Frau wie die des erotischen Sexsymbols.
Heute dient dieses Klischee nur noch zur ironischen Überspitzung. Die Comics selbst sind in ihrer Aussage überholt und faszinieren nur noch eingefleischte Fans. Andererseits bieten diese Bildgeschichten einen ungeheuren Fundus an ästhetischem Material. Die ganz eigene Gestaltung der Figuren als konturierte plastische Erscheinungen, mit stark kontrastierenden Flächen statt weicher Übergänge prägte eine ganz eigene figurative Darstellungsweise. Die Hervorhebung weiblicher Attribute erscheint heute etwas lächerlich, ebenso sieht es aber auch mit den männlichen Muskelprotzen aus. Zwei Stereotypen waren entstanden, mit denen sich heute vortrefflich spielen lässt.
Die Pop Art erkannte diese Potenzial und isolierte die Figuren vom Kontext der Comic-Erzählung. Robert Rauschenberg etwa betonte die Punkte des grob im Halbton-Verfahren gedruckten Zeitungscomic und schuf riesige Gemälde mit Comic-Ausschnitten und Sprechblasen deren Aussagen durch ihre Isolierung unverständlich wurden.
Kolja Senteur war Anfang der neunziger Jahre fasziniert vom Pop Art Stil. Die grosse illustrative Kraft der Pop Art, die eigene, vereinfachte Bildsprache, die über grelle, reine Farben arbeitet und die häufige Verwendung von Comic-Elementen sprachen ihn an. Aus der Grafik kommend, bilden sein schneller pointierter Strich, die Farbintensität und illustrative Bildaussagen die Grundlagen seines Schaffens. Die Idee der Pop Art basiert auf der Aufnahme dieser Gestaltungskriterien und der Ironisierung und Verfremdung der Ikonen der Massenkultur. Allerdings nicht durch das Mittel der Abstrahierung, sondern durch Vereinfachung und Hervorhebung der Eigenheiten der Objekte und Figuren.
Da Kolja Senteur jedoch ein experimentierfreudiger und vielseitig arbeitender Künstler ist, legte er die Beschäftigung mit der Pop Art Malerei einige Zeit auf Eis und entdeckte seine Lust an diesem Stil erst in jüngster Zeit wieder. Die Pop Art erlaubt es ihm,  sehr aufwendige Werke in der Collage-Technik mit relativ einfachen Motiven zu gestalten. Schichten werden verwoben, Techniken montiert. Vorgefundenes Material wird extrahiert, kombiniert und isoliert. Die ironische Aufwertung erfolgt beispielsweise durch brilliante Lackfarben und knallige Farbakzente, wo im Original der sechziger Jahre billiges mattes Zeitungspapier die Basis bildete.
Die Idee des Palimpsets kommt bei manchen Bildern in den Sinn, wo Schichten halbtransparent übereinander liegen, wo manches angedeutet und dann übermalt wird. Ein Suchbild entsteht, dessen fragmentarische Zitate und unleserliche Sprechblasen das eigentliche Medium, den Comic, in den Hintergrund drängen. Teilweise werden Comics in fremden Sprachen verwendet, was den Effekt noch verstärkt. Es geht nicht mehr um die zugrunde liegende Comic-Erzählung oder die Abenteuer der Pin-up Heldin, es geht um ihre bildnerische Strahlkraft, die auch lange Jahre nach ihrer ursprünglichen Entstehung wirkt. Aus dem Kontext gerissen beweisen sie, dass die originellen Gestaltungselemente der Pop Art bis heute wirken. Auch die in  Anlehnung an Film-Plakate und Plattencover entstandenen Bilder Kolja Senteurs funktionieren durch die Kombination von Wiedererkennbarem und Irritierendem.
Der hohe technische und handwerkliche Aufwand, der zu fast drucktechnisch perfekt erscheinenden Bildelementen führt, soll, nach Aussage des Künstlers, zum Verweilen vor den Bildern einladen. Genaues Hinsehen offenbart erst die kombinierten Techniken, das Aufeinander legen verschiedener Farbschichten aus Acryl, Öl, Lack, Pastell, Graphit. Der Gesamteindruck entsteht aus sich überlagernden groben Pinselstrichen, lasierend aufgetragenen Farbtönen und schnell schraffierten Zeichenelementen.
Porträts bekannter Persönlichkeiten runden diese Ausstellung ab. Auch sie wurden vereinfacht im kontrastreichen PopArt Stil. Meist dominieren hier zwei Farben, wobei schwarz der Konturierung dient, so entsteht eine Mischung aus zeichnerischen und malerischen Elementen in der Gestaltung. Farbabstufungen verschwinden zugunsten des Ausdrucks und der Betonung der vereinfachten, aber aussagekräftigen Gesichtszüge der Personen.
Warum uns die scheinbar einfachen Darstellungen banaler Alltagsgegenstände oder übertriebener Comic-Figuren bis heute faszinieren liegt wohl daran, dass die Pop Art wie keine andere moderne Kunstrichtung unser vom Konsum geprägtes Leben in all seiner schillernden Buntheit weniger anklagend, als mit einem Augenzwinkern zeigt und gleichzeitig den Künstlern wie Kolja Senteur die Möglichkeit gibt, moderne Bildillusionen zu schaffen.

Einen besten Dank an unsere Gäste an diesem Sonntagmorgen für einen wunderbaren interessanten und anregenden Vormittag