Die Art Galerie Siegen präsentiert ab dem 23. Juni 2019:
Bethany de Forest: Fragmente einer geträumten Welt

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Die Ausstellungseröffnung findet am:
Sonntag, den 11. November 2018, um 11.00 Uhr in der Art Galerie, Fürst-Johann-Moritz- Straße 1, 57072 Siegen statt.
Zur Eröffnung spricht Kirsten Schwarz M.A.

Fragmente einer geträumten Welt
Bethany de Forest baut ihre eigenen Welten. Buchstäblich. Mit vorhandenen, „gefundenen“ Materialien kreiert sie mystische Orte in einer Spiegelbox. Ikonenhafte Landschaften und Natur sind Inspirationsquellen. Aber auch ein Foto, ein Nachrichtenartikel oder eine bestimmte Art von Material kann zu einer Idee für ein Diorama führen. Szenen werden nicht repliziert. Das Modell ist nur eine Erinnerung an den erlebten Raum. Ein Fragment einer geträumten Welt. Bekannt, aber auch ein bisschen entfremdend. Sie werden in die farbenfrohen fragilen Szenen hineingezogen.

Bau der Dioramen
Die Dioramen sind Studioeinstellungen, keine digital konstruierten Werke. Der Himmel in diesen erschaffenen Welten wirkt oft sehr realistisch, wenngleich sie aus Schichten aus farbiger Folie und Watte bestehen.
Es ist eine überzeugende Sache, dass beim Erstellen der eigenen Landschaften man nicht endlos darauf warten muss, dass das richtige Licht oder die richtige Sonne untergeht. Es kann vor Ort erstellt werden.
Manchmal ist Realismus wichtig und manchmal Distanz von der Realität. Beide Aspekte verschmelzen bei de Forest.
Viele Kunstformen werden verwendet, bevor das Endergebnis (in der Regel eine Fotografie) erreicht ist. Daher ist ihre Arbeit eine Kreuzung zwischen Fotografie, Malerei, Skulptur und Installation.
Ihre einmal gesehene Arbeit ist wiedererkennbar. Es gibt dem Betrachter eine Erfahrung der Anerkennung mit einem absurden Twist.

Klassische 3D-Techniken
Bethany de Forest nutzte lange Zeit die Lochkamera-Fotografie, um den Betrachter in ihre Welten zu locken. Eine Form der Fotografie, bei der das Licht durch ein kleines Loch anstatt durch eine Linse fällt.
Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, ihre Dioramen zu fotografieren, stieß sie auf einige klassische Techniken wie Stereofotografie und Lentikulardruck. Die letzte Methode ist das Betrachten von 3D-Bildern ohne Stereobrille.
All dies zusammen bildet eine Ausstellung mit einer experimentellen Note und einer Suche nach einer neuen analogen Realität.

Die Künstlerin Bethany de Forest, 1966 geboren in Stoneham, Massachusetts, USA, lebt und arbeitet heute in Amsterdam, Niederlande. Ihre Kunst besteht aus Lochfotografie und Videokunst. Während ihres Kunststudiums in Utrecht fing sie an Dioramen zu kreieren, welche sie anschließend fotografierte. In den surrealen Welten von Bethany de Forest entsteht die Illusion, dass alles lebensgroß ist und, dass es ein Ort ist, in dem Menschen herumlaufen können.

Bethany de Forest: Fragmente einer geträumten Welten
23.06. – 24.08.2019
Vernissage: 23.06.2019 um 11 Uhr
Zur Eröffnung sprach Kirsten Schwarz M.A.

Bethany de Forest:  Fragmente einer geträumten Welt

‚Das Diorama setzt die menschliche Kenntnis der Welt in Szene, nicht ohne dabei die Wahrnehmung des Betrachters zu beeinflussen und nachhaltig herauszufordern.‘

Dieser Satz, aus der Einleitung zur Ausstellung in der Frankfurter Schirn über Dioramen, könnte dezidiert für das Werk von Bethany de Forest geschrieben worden sein. Dioramen sind ihre Leidenschaft, denn Welten komplett neu zu erschaffen macht einfach ‚unglaublich viel Spass‘, wie sie sagt. Das klassische Diorama ist ein Schaukasten, in dem Modell-Figuren oder Landschaften vor einem gemalten Hintergrund stehen. Diese Schaukästen wurden im 19. Jhd. von Louis Daguerre entwickelt, sie sind häufig als lebensgroße Kulisse in Naturkunde-Museum zu finden und bieten eine fast perfekte Illusion räumlicher Tiefe. Doch auch im kleineren Modellbau, etwa bei der Modell-Eisenbahn, werden Dioramen eingesetzt, um die Welt im Kleinen anschaulich und überschaubar zu machen. Das Diorama vereint Objekte und ist dabei selber eines, im besten Fall vergisst man diese Tatsache bei der Betrachtung. Das Diorama kombiniert verschiedene Materialien und Gegenstände zu Modellen der ursprünglichen Gegenstände und arrangiert sie zu neuen Kontexten.
Heute geht es den Nutzern von Dioramen im künstlerischen Bereich weniger um die perfekte Illusion, als um das Spiel mit deren Künstlichkeit und die Auflösung des Wirklichkeitseffektes.
Bethany de Forest geht es ähnlich, sie möchte eine realistisch anmutende, dabei zugleich absurde und surreale Welt kreieren. Man soll ihr sozusagen erst auf den Leim gehen und bei genauerer Betrachtung Zweifel bekommen. Ist das alles echt? Ja und nein. Die Dialektik ihrer Werke besteht darin, eine perfekt anmutende und bekannt erscheinende Welt zu erschaffen aus optisch ähnlichen, aber in völlig neuem Zusammenhang genutzten Materialien. Die  Enthüllung dieses Verfahrens löst daher widerstrebende Emotionen aus: möchte man wirklich wissen, wie und woraus das alles gemacht wurde oder will man sich in den traumhaft-mystischen Welten verlieren und es dabei belassen?
Wer dem zweiten Ansatz zuneigt, sollte nun lieber weghören. Die Vorstellungskraft der Künstlerin ist ungeheuer groß, aus jedem Gegenstand, jeder Pflanze, jedem Stoff macht sie etwas Neues. Formale Ähnlichkeiten erlauben unerschöpfliche Umdeutungen, aus Watte werden Wolken, aus Spiegeln Wasseroberflächen, aus Heisskleber alles was fliesst, aus Pflänzchen und Stöckchen werden Bäume, aus Zuckerwürfel Eispaläste, aus Sushi-Verpackungen Hochhäuser.  Der Fantasie und Sammelleidenschaft der Künstlerin scheinen keine Grenzen gesetzt.
Die in den letzten 25 Jahren entstandenen Dioramen sind das Motiv der hier gezeigten Fotografien. Nicht sie selbst sind der Endpunkt der vielen Stunden handwerklicher Arbeit, sondern das Festhalten und erneute Verfremden der Welten durch die Kamera. Dabei nutzte Bethany de Forest lange Zeit nur die Lochkamera als Medium. Diese lässt sich in den Aufbauten gut verstecken und erzeugt eine eigene unscharfe Wirklichkeit im Bild. Durch die fehlenden Einstellungsmöglichkeiten wird jede Fotografie zum Zufallsprodukt. Die charakteristische dritte Dimension des Dioramas  wird in der Fotografie  durch den Einsatz von Spiegeln als Seitenwänden suggeriert. Das Spiel mit Wirklichkeit und Illusion wird so auf die Spitze getrieben, denn ein Diorama bleibt immer ein begrenztes und konkretes Objekt. Bei aller Wirklichkeitstreue ist es immer als Vehikel erkennbar; durch die Fotografie aus dem Inneren des Dioramas jedoch scheint die abgebildete Welt unendlich.

Wesentlich komplizierter ist der Entstehungsprozess der Linsenraster-Bilder. Diese sind vielen als Wackelbilder bekannt und ein Wahrnehmungsphänomen, welches mittels einer Vielzahl winziger Prismen einen räumlichen Eindruck auf der Fläche hervorruft, sowie eine Illusion von Bewegung durch Ändern des Blickwinkels. Um den Eindruck von Tiefe zu erhöhen, erstellt Bethany de Forest zwischen 30 und 60 leicht verschobenen Aufnahmen. Für diese Technik nutzt die Künstlerin seit etwa 2 Jahren die digitale Fotografie, damit die einzelnen Bilder im Ganzen scharf erscheinen.  Die Größe der Bilder wurde erst mit Hilfe  neuerer Technik möglich, wenn  die eingescannten und hauchfein zerlegten Einzelbilder auf eine Linsenrasterfolie laminiert werden. Die für diese Fotografien angefertigten Dioramen sind mittlerweile etwa 1,50 x 1,50 m groß damit die Künstlerin hineinschlüpfen kann.
Es entstehen fotografische Objekte in einer knalligen, eigenwilligen Ästhetik, in denen sich der Betrachter verlieren kann. Insekten bevölkern die Wiesen und den Himmel, es kreucht und wuchert, springt und fliegt und wir sind mitten drin. Wie Alice im Wunderland stehen wir staunend knapp über Bodenniveau oder fliegen wie Peter Pan über Städte. Wir befinden uns mitten in Höhlen oder Palästen und schwimmen in riesigen Aquarien. Jede Seh-Erfahrung ist unmittelbar. Es gibt keine Distanz zwischen uns und dem Motiv, in die Werke von Bethany de Forest wird man hinein gesogen.
Die Schärfe in den Fotografien der neuen Welten hat durch den Einsatz der Digitalkamera in den letzten Jahren zugenommen. Die Illusion wird größer, die Fotografie detailreicher. Die Künstlerin ist vom Effekt beider Techniken überzeugt, so dass momentan die mystische Unschärfe der Lochkamera neben der blendenden Farbigkeit und Schärfe der digitalen Werke steht. Der Betrachter soll selbst entscheiden, welches Konzept er bevorzugt. Was aber alle Werke fordern ist die intensive Betrachtung. Während des Arbeitsprozesses am Diarama entsteht eine Vielzahl immer neuer kreativer Einfälle, die umgesetzt, ausprobiert und oft wieder verworfen werden. Kleinste Details sind mit Sorgfalt, Präzision und in unzähligen Versuchen hergestellt und arrangiert worden. Alles ist hier der Betrachtung wert. Es gibt kein Hauptmotiv und keine vernachlässigte Stelle in der Komposition. Eine fast schon obsessive Detailbesessenheit der Künstlerin führt erst zu den überzeugenden, illusionistischen Ergebnissen.

Eine weitere Möglichkeit, die Wirklichkeit neu zu erschaffen ist die Stereoskopie, die man aber nur allein genießen kann. Ähnlich wie beim Guckkasten wird der Betrachter unmittelbar in ein Geschehen einbezogen. Dieses Unterhaltungsmedium des 19. Jahrhunderts hat bis heute von seiner Faszination nichts verloren. Man braucht ein Stereoskop, um zwei Bilder verschmelzen zu lassen. Es ist ein Vorläufer der Virtuell-Reality-Brille, denn durch das Platzieren des Bildes direkt vor den Augen wird die echte Welt ausgeblendet. Ein Bild wird dafür von zwei leicht verschobenen Blickwinkeln aufgenommen und setzt sich in der extremen Nähe durch halbkreisförmige Linsen zu einem Bild mit starker räumlicher Tiefe zusammen.

Das ein von Bethany de Forest gestaltetes Künstlerbuch ‚funky Landscapes’ heisst, verwundert nicht. Alles in ihren Welten ist merkwürdig, verschoben und flippig. Die Größenverhältnisse sind verändert, so dass eigentlich kleine Dinge riesig, ursprünglich große Gegenstände ins Miniaturformat geschrumpft erscheinen. Ob Stadt oder Natur-Landschaft, Höhle oder Unterwasserwelt – der Kern der Bilder ist immer die Stimulierung der kindlichen Neugier, und des Dranges, in etwas Unbekanntes einzutauchen. Alle Medien und Techniken, die Bethany de Forest nutzt und gestaltet sind ursprünglich als Objekte der Unterhaltung und Spielzeuge konzipiert worden oder  um den Menschen Kontexte  visuell nahezubringen, die sie nur aus Erzählungen kannten. Das Staunen, Lachen und die Bewunderung, die diese Wahrnehmungs-Apparate hervorriefen, wirken bis in unsere digitales Zeitalter nach und lassen erkennen, dass das Spiel mit der menschlichen Wahrnehmung eines der Spannendsten überhaupt ist.

Kirsten Schwarz

Vielen Dank an alle, die mit uns diesen Vormittag genossen haben.

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